Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Gerade gelesen’ Category



„Gerade gelesen“ – unter dieser Überschrift möchte ich ein paar Gedanken zu Büchern festhalten, mit denen ich mich zuletzt beschäftigt habe. Keine umfassenden Rezensionen, sondern – eben ein paar Gedanken.

Gerade gelesen habe ich „The Killing of SS Obergruppenführer Reinhard Heydrich“, von dem britischen Historiker Callum MacDonald. Das Buch habe ich vor ein paar Jahren in einem Buchladen in Greenwich aus purer Neugier gekauft, seitdem stand es im Regal, bis ich es wieder aus reiner Neugier in die Hand nahm.

MacCallum beschreibt auf der einen Seite die Situation im besetzten Tschechien während des 2. Weltkriegs und besonders den Zustand des Widerstands im Land und der Exilregierung unter Edvard Benes in London, die lange um ihre Anerkennung durch die Alliierten zu kämpfen hatte. Auf der anderen Seite beschreibt MacCallum den Aufstieg des Mannes, der immer mehr zum Modell-Arier stilisiert wurde: Der Leiter des Reichssicherheitshauptamts und Organisator des Holocaust, Reinhard Heydrich. Von ihm heißt es, sogar sein Vorgesetzter Heinrich Himmler habe Angst vor ihm gehabt. Als er „Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“ – also des besetzten Tschechiens – wird und anfängt, das „Protektorat“ in einen SS-Musterstaat umzubauen mit dem Endziel, den Großteil der slawischen Bevölkerung zu deportieren, gerät er ins Fadenkreuz des Widerstands. Gleichzeitig fühlt sich Exil-Präsident Benes den Alliierten gegenüber in Zugzwang, die Vitalität des tschechischen Widerstands unter Beweis zu stellen. Ab Ende 1941 schleust die Exilregierung zahlreiche Kämpfer ins besetzte Tschechien ein. Einigen von ihnen gelingt es schließlich, den „Schlächter von Prag“ Heydrich zu töten – nicht ohne einen hohen Preis zu zahlen.

Bisher waren mir weder Reinhard Heydrich noch der tschechische Widerstand vertraut – Edvard Benes war mir nur als Urheber der nach ihm benannten Dekrete bekannt, die die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Krieg zum Inhalt hatten. Die Lektüre hat mir diesen Teil der deutschen und europäischen Geschichte erschlossen und auch die Vorgeschichte dieser Vertreibungen erhellt.

MacCallum schreibt einen akribisch recherchierten, spannenden Agententhriller. Dabei stellt er auch die Frage nach Sinn und Unsinn des Attentats. Dass es keinen Unschuldigen getroffen hat, steht außer Frage. Der praktische Nutzen lag vor allem im symbolischen Wert: „Auch Henker sterben“, so der Titel eines Fritz-Lang-Films von 1943 über das Attentat (nach einer Brecht-Vorlage). Aber angesichts von Tausenden Opfern der Vergeltungsaktionen
bleibt die Frage (und MacCallum lässt sie offen), ob es das wert war.

P.S. Meine Ausgabe von 1990 habe ich bei Amazon nicht gefunden, deshalb ist der abgebildete Titel etwas anders.
P.P.S. Ja, ich bekomme Provisionen von Amazon. Die kommen unserer Gemeinde zugute. Es hat mich aber keiner zu diesem Post beauftragt 🙂

Advertisements

Read Full Post »