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Hochzeitsbild von Freya Deichmann (links) mit Helmuth James Graf von Moltke

Freya und Helmuth James Graf von Moltke

Im Alter von 98 Jahren ist im US-Bundesstaat Vermont Freya Gräfin von Moltke gestorben. Mit ihrem Mann Helmuth James Graf von Moltke und anderen baute sie die Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ auf, in der über eine deutsche Gesellschaft nach dem Ende der Nazis nachgedacht wurde. Während ihr Mann noch im Januar 1945 hingerichtet wurde, überlebte die promovierte Juristin den Naziterror und engagierte sich nach dem Krieg in der deutsch-polnischen und der gesamt-europäischen Verständigung. Seit 1960 lebte sie in den USA. Freya von Moltke war mir bisher als Briefempfängerin und spätere Witwe bekannt, weniger als Widerstandskämpferin. Möge diese mutige Frau viele andere inspirieren, heute denke ich auch an die mutigen Frauen im Iran.

Hier die gesamte Meldung auf Zeit Online und weitere Infos auf Wikipedia.

Helmuth James Graf von Moltke gehört schon länger zu meinen Helden. Seine „Letzten Briefe aus dem Gefängnis Tegel 1945“, die an Freya gerichtet sind, geben spannende Einblicke in das Innenleben eines Mannes, der aus religiösen und aus strategischen Überlegungen ein Attentat auf Hitler ablehnte, und nun tatsächlich nur für seine Überzeugungen und Überlegungen hingerichtet wurde. Gleichzeitig geben sie ein eindringliches Glaubenszeugnis dieses mutigen Mannes, der auch in der Todeszelle nicht seinen Sinn für Humor verloren hat:

„Das Schöne an dem so aufgezogenen Urteil ist folgendes: wir haben keine Gewalt anwenden wollen – ist festgestellt; wir haben keinen einzigen organisatorischen Schritt unternommen, mit keinem einzigen Mann über die Frage gesprochen, ob er einen Posten übernehmen wolle – ist festgestellt … Wir haben nur gedacht, und zwar eigentlich nur Delp, Gerstenmaier und ich … Und vor den Gedanken dieser drei einsamen Männer, den bloßen Gedanken, hat der N. S. eine solche Angst, dass er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will. Wenn das nicht ein Kompliment ist.“ (Helmut James Graf von Moltke: Letzte Briefe, Berlin 1981, S. 62f.)

„Der entscheidende Satz [Freislers] in jener Verhandlung war: ‚Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur das eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.’ Ob er sich klar war, was er damit gesagt hat? Denk mal, wie wunderbar Gott dies sein unwürdiges Gefäß bereitet hat: in dem Augenblick, in dem die Gefahr bestand, dass ich in aktive Putschvorbereitung hineingezogen wurde … wurde ich rausgenommen, damit ich frei von jedem Zusammenhang mit der Gewaltanwendung bin und bleibe. … Dann hat er mich so gedemütigt, wie ich noch nie gedemütigt worden bin, so dass ich allen Stolz verlieren muss, so dass ich meine Sündhaftigkeit endlich nach 38 Jahren verstehe, so dass ich um seine Vergebung bitten, mich seiner Gnade anvertrauen lerne. … und dann wird dein Mann ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adeliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher … sondern als Christ und als gar nichts anderes.“ (Ebd., S. 77ff.)

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Zur Abwechslung mal was Ernstes, aus gegebenem Anlass: Bürgerrechtler und Politiker Werner Schulz zum „Wunder von Leipzig“. Eine fantastische Rede.

Gefunden auf tobys blog – dort gibt es noch manches andere zum Lesen, Hören und Sehen zum Thema.

Werner Schulz sitzt heute übrigens im Europaparlament. 2005 las er dem damaligen Kanzler die Leviten – inhaltlich wie rhethorisch ebenfalls ein Edelstein.

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„Gerade gelesen“ – unter dieser Überschrift möchte ich ein paar Gedanken zu Büchern festhalten, mit denen ich mich zuletzt beschäftigt habe. Keine umfassenden Rezensionen, sondern – eben ein paar Gedanken.

Gerade gelesen habe ich „The Killing of SS Obergruppenführer Reinhard Heydrich“, von dem britischen Historiker Callum MacDonald. Das Buch habe ich vor ein paar Jahren in einem Buchladen in Greenwich aus purer Neugier gekauft, seitdem stand es im Regal, bis ich es wieder aus reiner Neugier in die Hand nahm.

MacCallum beschreibt auf der einen Seite die Situation im besetzten Tschechien während des 2. Weltkriegs und besonders den Zustand des Widerstands im Land und der Exilregierung unter Edvard Benes in London, die lange um ihre Anerkennung durch die Alliierten zu kämpfen hatte. Auf der anderen Seite beschreibt MacCallum den Aufstieg des Mannes, der immer mehr zum Modell-Arier stilisiert wurde: Der Leiter des Reichssicherheitshauptamts und Organisator des Holocaust, Reinhard Heydrich. Von ihm heißt es, sogar sein Vorgesetzter Heinrich Himmler habe Angst vor ihm gehabt. Als er „Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“ – also des besetzten Tschechiens – wird und anfängt, das „Protektorat“ in einen SS-Musterstaat umzubauen mit dem Endziel, den Großteil der slawischen Bevölkerung zu deportieren, gerät er ins Fadenkreuz des Widerstands. Gleichzeitig fühlt sich Exil-Präsident Benes den Alliierten gegenüber in Zugzwang, die Vitalität des tschechischen Widerstands unter Beweis zu stellen. Ab Ende 1941 schleust die Exilregierung zahlreiche Kämpfer ins besetzte Tschechien ein. Einigen von ihnen gelingt es schließlich, den „Schlächter von Prag“ Heydrich zu töten – nicht ohne einen hohen Preis zu zahlen.

Bisher waren mir weder Reinhard Heydrich noch der tschechische Widerstand vertraut – Edvard Benes war mir nur als Urheber der nach ihm benannten Dekrete bekannt, die die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Krieg zum Inhalt hatten. Die Lektüre hat mir diesen Teil der deutschen und europäischen Geschichte erschlossen und auch die Vorgeschichte dieser Vertreibungen erhellt.

MacCallum schreibt einen akribisch recherchierten, spannenden Agententhriller. Dabei stellt er auch die Frage nach Sinn und Unsinn des Attentats. Dass es keinen Unschuldigen getroffen hat, steht außer Frage. Der praktische Nutzen lag vor allem im symbolischen Wert: „Auch Henker sterben“, so der Titel eines Fritz-Lang-Films von 1943 über das Attentat (nach einer Brecht-Vorlage). Aber angesichts von Tausenden Opfern der Vergeltungsaktionen
bleibt die Frage (und MacCallum lässt sie offen), ob es das wert war.

P.S. Meine Ausgabe von 1990 habe ich bei Amazon nicht gefunden, deshalb ist der abgebildete Titel etwas anders.
P.P.S. Ja, ich bekomme Provisionen von Amazon. Die kommen unserer Gemeinde zugute. Es hat mich aber keiner zu diesem Post beauftragt 🙂

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